Sonntag, 3. November 2013

Meine Geschichte - Teil 2

... Was in diesem Moment in meinem Kopf vorging weiß ich nicht mehr. Auch die folgenden 1-2 Stunden sind verschwommen. Alles an was ich mich noch erinnern kann, ist dass ich anfing zu weinen und der Arzt das nicht verstand. Ich wusste nicht was das bedeutet und er war auch nicht gewillt mir noch irgendetwas zu erklären, da „das dann ihre Ärztin Frau Dr. H. machen würde...“ Der Assistenzärztin entgleisten sämtliche Gesichtszüge und später als er weg war rief sie mit meinem Telefon meine Mutter an und bat sie zu kommen. In der Zwischenzeit versteckte ich mich in meinem Bett. Ernsthaft. Ja, mit Anfang 20 habe ich mich versteckt. Sämtliche Schwestern konnten mich nicht dazu bewegen etwas zu essen oder zu trinken. Irgendwann ging dann wohl die Tür auf und meine Ärztin war da. Vom folgenden Gespräch weiß ich eigentlich nur noch dass wissen wollte ob ich ab sofort „dumm“ werden würde. Wie geschrieben, ich hatte keine Ahnung von der Krankheit. Sie gab Entwarnung was meine Frage betraf, redete und versuchte mich zu beruhigen. Sie spritze mir nebenbei 1000mg Cortison und sagte davon würde es mir bald besser gehen. Später kamen meine Mutter und auch der Informatiker, den ich wohl irgendwie per SMS diffus gebeten hatte zu kommen. Insgesamt fünf Tage blieb ich im Krankenhaus. An allen bekam ich Cortison was meine Stimmung auflockerte und die ganze Situation regelrecht verschleierte und kaum greifbar machte. Begriffen hatte ich trotz einer eindeutigen Diagnose und den ganzen Informationen über das Krankheitsbild nichts. Und das ist rückblickend auch gut. Denn hätte ich die darauf folgenden Jahre und was sie mit sich brachten erahnt... ich hätte mich wahrscheinlich nur noch im Bett versteckt.

Über genau diese Jahre sollte ich ein Buch schreiben meinen manche. Vor allem in dieser Zeit legte man mir es oft nahe. Ein MS-Krankenschwester die mich eine Zeit „begleitete“ schüttelte so oft den Kopf über meine Erlebnisse mit diversen und unzähligen Ärzten, dass sie der Meinung war es könne ein Bestseller werden. Aber ein Buch über einen vergleichsweise langen Lebensabschnitt der von so viel Frust und Schmerz geprägt ist schreiben? Das wollte ich nie. Zu groß war die Angst dass ich nie Abstand gewinnen kann.
Heute weiß ich nach mittlerweile fünf Therapien – und damit habe ich den Großteil der momentanen Möglichkeiten erschöpft – dass das nie wirklich möglich sein wird, aber das alles aufzuschreiben mich nicht vorwärts bringen würde. Und genau das müsste meiner Meinung nach der Zweck eines solchen Buches sein.
Eine Krankheit wie MS begleitet einen ein Leben lang. Sie wird mich nicht umbringen, aber sie hat mir oft Kraft und Lebensfreude genommen. Sie hat mich trotzdem nicht davon abgehalten mein Studium in Regelstudienzeit zu beenden und mein Referendariat in der vorgesehenen Zeit zu absolvieren. Beides war nicht leicht, da ich in dieser Zeit alles andere als Ruhe vor ihr hatte. Trotzdem wäre ich nie bereit gewesen eins der beiden zu verlängern. Und das wurde mir oft genug von den entsprechenden Stellen angeboten. Nicht etwa weil sie es mir nicht zutrauten, sondern weil sie alle besorgt waren. Genau diese vielen positiven Unterstützungen haben mich immer wieder ermutigt und stark gemacht.

Auch wenn ich eigentlich der Meinung bin, dass nicht alles Schlechte, etwas Gutes mit sich bringen kann, denke ich mittlerweile doch, dass die MS mich persönlich weitergebracht hat. Sie hat einen anderen Menschen aus mir gemacht. Nicht sofort und in manchen Lebensmomenten auch nicht zum Positiven, aber auf jeden Fall zu einem anderen. Diese Entwicklung wird wohl immer weitergehen und es werden definitiv – da mache ich mir gar nichts vor – auch Phasen geben in denen ich mich wieder am liebsten nur verstecken mag. Aber das gehört eben dazu. Sowohl bei einem kerngesunden Mensch als auch bei einem anders gesund lebenden.

Kommentare:

Cookie'n'Muffin hat gesagt…

Du schreibst so lustig, ich freu mich schon auf die nächsten Posts. Mittlerweilen hoffe ich, die vergangenen aufzuholen. Deine Ausdrucksweise hilft meinem verschwindenden Wortschatz ungemein. Den Ausdruck, dass jemandes Gesichtszüge entgleist sind, hatte ich noch nie gehört. Super. Danke!
Silvia

Marcus hat gesagt…

mach weiter so. sich das ganze von der seele zu schreiben ist hilfreich für dich und vllt für andere die so wie wir an ms erkranken. aber nicht jeder hat die stärke um damit doch ziemlich locker (wie in meinem fall) umzugehen.

gruß marcus

Angie hat gesagt…

Vielen Dank ihr zwei :-)